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Schulpuls erzählt

Wer war zuerst in Amerika?

Geschichte Klasse 6–7 16 Min.

Wer hat Amerika wirklich als Erstes betreten – und warum steht trotzdem Kolumbus im Kalender?

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Kapitel

  1. Land in Sicht
  2. Eine Brücke aus Land
  3. Spuren im Schlamm
  4. Das Jahr, das die Sonne gestempelt hat
  5. Die falsche Rechnung
  6. Die andere Seite des Strandes
  7. Was bleibt

Was in der Folge gesagt wird

Abschrift

Land in Sicht

Erzählerin: Der Atlantik, 12. Oktober 1492, zwei Uhr nachts. Drei kleine Schiffe segeln nach Westen. Seit fünf Wochen hat niemand an Bord Land gesehen.

Erzählerin: Oben im Mast der Pinta hockt ein Matrose namens Rodrigo. Plötzlich sieht er einen hellen Streifen im Mondlicht. Er schreit: Tierra! Land!

Erzählerin: Ein Kanonenschuss kracht übers Wasser. Für den ersten, der Land sieht, gibt es eine Belohnung. Doch der Anführer der Reise, Christoph Kolumbus, sagt: Ich habe schon vier Stunden vorher ein Licht gesehen. Er kassiert die Belohnung selbst.

Erzählerin: Am Morgen rudern die Fremden an einen Strand. Dort stehen Menschen und schauen ihnen entgegen. Für sie ist nichts entdeckt worden. Sie wohnen hier.

Erzählerin: Also: Wer war wirklich zuerst in Amerika?

Die Frage

Begleiter: Das ist Schulpuls erzählt. Ich stelle die Fragen, sie erzählt die ganze Geschichte. Heute: Wer war zuerst in Amerika? Die meisten sagen sofort: Kolumbus.

Begleiter: Die Folge ist für Klasse sechs und sieben, und wenn du morgen abgefragt wirst: auch. Wir reisen dafür weit zurück, über zwanzigtausend Jahre. Und am Ende kommt der Denkfehler, den fast jeder macht. Also: Wo fangen wir an?

Eine Brücke aus Land

Begleiter: Amerika ist doch rundherum von Meer umgeben. Wie kommt man da hin, wenn man noch gar keine Schiffe hat?

Erzählerin: Zu Fuß. Wir sind in der letzten Eiszeit, vor gut zwanzigtausend Jahren. Über Nordamerika und Nordeuropa liegen Gletscher, an manchen Stellen über drei Kilometer dick.

Erzählerin: So viel Wasser steckt in diesem Eis, dass das Meer überall auf der Welt sinkt. Um etwa hundertzwanzig Meter. Das ist so hoch wie ein Hochhaus mit vierzig Stockwerken.

Erzählerin: Zwischen Sibirien und Alaska liegt heute eine Meerenge, die Beringstraße. Damals ist dort trockenes Land. Eine riesige, kalte Graslandschaft mit Mammuts, Wildpferden und Bisons. Die Forscher nennen sie Beringia.

Begleiter: Wie breit war diese Brücke? So breit wie ein Fluss, so breit wie eine Stadt oder breiter, als Deutschland lang ist? Drei Sekunden.

Erzählerin: Breiter, als Deutschland lang ist. Von Norden nach Süden über tausend Kilometer. Wer dort stand, sah kein Meer, nur Gras bis zum Horizont.

Begleiter: Und dann sagt einer: Kommt, wir gehen nach Amerika?

Erzählerin: Niemand wusste, dass es Amerika gibt. Die Menschen folgten den Herden, die sie jagten. Für sie war das einfach das nächste Tal, die nächste Küste, Generation für Generation.

Erzählerin: Weiter nach Süden war es schwer. Zwei gewaltige Eisschilde versperrten das Innere des Kontinents wie eine Mauer. Viele Forscher glauben darum: Die ersten fuhren in kleinen Booten an der Küste entlang. Dort gab es Fisch, Muscheln, Robben und Tang.

Erzählerin: Beweisen lässt sich das schwer. Die alten Küsten von damals liegen heute hundertzwanzig Meter tief unter Wasser.

Spuren im Schlamm

Begleiter: Aber woher weiß man, wann die ersten Menschen da waren? Die haben ja kein Tagebuch geschrieben.

Erzählerin: Manchmal haben sie etwas Besseres hinterlassen. New Mexico, im Süden der heutigen USA. Heute ist dort eine Wüste aus weißem Gipssand. Damals liegt hier ein flacher See mit schlammigem Ufer.

Erzählerin: Menschen laufen durch den Schlamm. Ein paar Erwachsene, vor allem aber Jugendliche und Kinder. Manche Spuren rennen, manche springen. Ganz in der Nähe haben auch Mammuts und Riesenfaultiere ihre Abdrücke hinterlassen.

Erzählerin: Wind und Wasser decken die Spuren zu, Schicht um Schicht. Erst unsere Zeit legt sie wieder frei. In den Schichten stecken Samen einer Wasserpflanze. Man kann ihr Alter messen: einundzwanzig- bis dreiundzwanzigtausend Jahre.

Begleiter: Das glaube ich jetzt nicht sofort.

Erzählerin: Viele Forscher auch nicht. Also haben sie noch einmal gemessen, mit Blütenstaub von Nadelbäumen aus denselben Schichten. Das Ergebnis war dasselbe. Kinder, die in der Eiszeit durch Pfützen gesprungen sind, haben die Geschichtsbücher umgeschrieben.

Erzählerin: Ganz im Süden, in Chile, finden Forscher ein Lager, das rund vierzehntausendfünfhundert Jahre alt ist. Hütten aus Holz und Tierhaut, Reste von Kartoffeln, sogar Seetang.

Erzählerin: In vielen tausend Jahren füllen die Menschen den ganzen Doppelkontinent, von Alaska bis Feuerland. Als Kolumbus kommt, leben in Amerika viele Millionen Menschen. Es gibt Bauern, Jäger, Fischer, Händler und riesige Städte.

Begleiter: Wie viele Sprachen hat man damals in Amerika gesprochen? Zehn, hundert oder über tausend? Drei Sekunden.

Erzählerin: Über tausend, so schätzen es Sprachforscher. Mehr Sprachen, als heute in ganz Europa gesprochen werden. So viel zum Thema: neue Welt.

Das Jahr, das die Sonne gestempelt hat

Begleiter: Gut, die ersten Menschen kamen aus Asien. Aber der erste Europäer, das war dann doch Kolumbus?

Erzählerin: Nein. Fahren wir nach Grönland, um das Jahr 1000. Dort leben Bauern aus Island und Norwegen. Wir nennen sie heute Wikinger.

Begleiter: Mit Hörnern auf dem Helm?

Erzählerin: Ohne. Die Hörner hat sich vor rund hundertfünfzig Jahren jemand für eine Opernbühne ausgedacht. Echte Wikinger trugen runde Helme aus Eisen oder einfach Mützen.

Erzählerin: Sie segeln in einem Schiff, das Knorr heißt. Offen, ohne Kajüte, ein einziges großes Segel, ungefähr so lang wie ein Gelenkbus. Darin Menschen, Schafe, Werkzeug und Proviant.

Erzählerin: So erzählen es die Sagas, alte Geschichten, die erst über zweihundert Jahre später aufgeschrieben wurden: Ein Seefahrer verirrt sich im Nebel und sieht im Westen Land mit Wäldern. Er geht nicht an Land. Er dreht um.

Begleiter: Der erste Europäer, der Amerika sieht, steigt nicht aus?

Erzählerin: Genau so. Jahre später kauft ihm Leif Eriksson das Schiff ab und segelt hin. Er nennt das Land Vinland, Weinland. So weit die Sagas. Lange hielten viele das für ein Märchen.

Erzählerin: Bis 1960. Ein norwegisches Ehepaar sucht die Nordspitze von Neufundland ab, im Osten Kanadas. In einer Bucht namens L'Anse aux Meadows sehen sie flache Grashügel.

Erzählerin: Darunter liegen die Reste von acht Häusern aus Torf und Holz. Eisennägel, eine Schmiede, ein Spinnwirtel, mit dem man Wolle zu Faden dreht. Hier haben also auch Frauen gelebt.

Erzählerin: Und Butternüsse. Die wachsen viel weiter im Süden. Die Wikinger sind also noch tiefer in den Kontinent gefahren.

Begleiter: Und wann genau waren sie da?

Erzählerin: Das hat die Sonne verraten. Im Jahr 993 gab es einen gewaltigen Sonnensturm. Jeder Baum auf der Erde hat sich das gemerkt, in seinem Jahresring von 993.

Erzählerin: In Holzstücken aus Neufundland fanden Forscher genau diesen Ring. Sie zählten weiter bis zur Rinde. Ergebnis: Diese Bäume wurden im Jahr 1021 mit eisernen Äxten gefällt. Mehr als vierhundertsiebzig Jahre vor Kolumbus.

Erzählerin: Doch das Land war nicht leer. Die Sagas erzählen von Menschen, die mit Booten aus Tierhaut kommen. Erst wird getauscht, dann gekämpft.

Erzählerin: Nach wenigen Jahren geben die Wikinger auf. Zu weit weg von zu Hause, zu wenige Leute, und das Land gehörte schon jemandem. Europa vergisst Vinland wieder.

Die falsche Rechnung

Begleiter: Und warum kennt dann jeder Kolumbus und keiner die Wikinger?

Erzählerin: Weil nach Kolumbus nichts mehr so war wie vorher. Aber erst einmal zu seiner Idee. Kolumbus ist Seefahrer aus Genua. Er will nach Asien, nach Indien, China und Japan. Dort gibt es Gewürze, Seide und Gold.

Erzählerin: Der Weg nach Osten ist lang und teuer. Also sagt Kolumbus: Die Erde ist eine Kugel. Wer immer nach Westen segelt, kommt auch nach Asien.

Begleiter: Und alle haben ihn ausgelacht, weil sie dachten, die Erde ist eine Scheibe.

Erzählerin: Das erzählt man gern, aber es stimmt nicht. Dass die Erde eine Kugel ist, wussten gebildete Leute seit fast zweitausend Jahren. Ein Grieche hatte ihren Umfang sogar schon ziemlich genau berechnet.

Erzählerin: Der Streit ging um etwas anderes: Wie groß ist die Kugel? Kolumbus rechnete, Japan liegt ungefähr viertausendvierhundert Kilometer westlich der Kanarischen Inseln. In Wirklichkeit sind es rund neunzehntausend.

Erzählerin: Die Fachleute in Portugal sagten ihm: Du hast dich verrechnet. Sie hatten recht. Kolumbus lag falsch und bekam trotzdem sein Schiff. Spanien bezahlte die Reise.

Begleiter: Was wäre mit Kolumbus passiert, wenn Amerika nicht im Weg gelegen hätte? Drei Sekunden.

Erzählerin: Wasser und Essen hätten nie gereicht. Die drei Schiffe wären mitten auf einem Ozean verloren gewesen, der viel größer ist, als er dachte. Sein Fehler wäre tödlich gewesen. Ein Kontinent, von dem er nichts wusste, hat ihn gerettet.

Erzählerin: Am 3. August 1492 legt er in Spanien ab, mit drei Schiffen und rund neunzig Männern. Nach einem Halt auf den Kanarischen Inseln geht es fünf Wochen lang nur noch nach Westen. Die Mannschaft wird unruhig, manche wollen umkehren.

Erzählerin: Und dann kommt die Nacht, mit der wir angefangen haben. Zwei Uhr, ein heller Streifen im Mondlicht, eine Insel der Bahamas. Die Menschen dort nennen sie Guanahaní.

Begleiter: Dazu haben wir übrigens einen kurzen Clip: Hat Kolumbus Amerika entdeckt? Den findest du auf schulpuls.com.

Erzählerin: Kolumbus ist überzeugt: Ich bin in Asien. Darum nennt er die Menschen Indios, Inder. Der falsche Name bleibt über Jahrhunderte an ihnen hängen. Bis zu seinem Tod 1506 glaubt er, Asien erreicht zu haben.

Erzählerin: Und den Namen des Kontinents bekommt am Ende ein anderer. Auf einer Weltkarte von 1507 steht zum ersten Mal Amerika, nach dem Seefahrer Amerigo Vespucci. Er hatte geschrieben: Das ist eine neue Welt.

Die andere Seite des Strandes

Begleiter: Und die Menschen am Strand? Wie war der Morgen für die?

Erzählerin: Sie gehören zu den Taíno, einem Volk auf den Inseln der Karibik. Sie leben in Dörfern, bauen Maniok und Mais an und fahren in Booten, die aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt sind.

Erzählerin: Ein paar ihrer Wörter benutzt du heute noch. Kanu ist ein Wort der Taíno. Hängematte auch. Und Hurrikan.

Erzählerin: An diesem Morgen sehen sie drei riesige Schiffe mit weißen Segeln. Fremde Männer mit Bärten, in schweren Kleidern, mit Schwertern aus Eisen. Die Taíno bringen Papageien, Baumwollfaden und Speere zum Tauschen.

Erzählerin: Kolumbus schreibt über diesen Tag in sein Bordbuch: Sie sind freundlich. Und gleich danach: Sie würden gute Diener abgeben. Ein paar Tage später nimmt er mehrere Taíno mit auf sein Schiff, gegen ihren Willen.

Begleiter: Und dann?

Erzählerin: Dann kommen mehr Schiffe. Die Spanier wollen Gold und zwingen die Taíno, danach zu suchen. Noch schlimmer sind Krankheiten wie die Pocken, gegen die in Amerika niemand Abwehrkräfte hat.

Erzählerin: Nach wenigen Jahrzehnten leben auf der großen Insel Hispaniola nur noch wenige Taíno. Ganz verschwunden sind sie nicht. Viele Menschen in der Karibik tragen ihr Erbe bis heute in sich.

Begleiter: Gab es eigentlich noch andere, die vor Kolumbus in Amerika waren?

Erzählerin: Wahrscheinlich ja. Mitten im Pazifik leben die Polynesier, die besten Seefahrer ihrer Zeit. Sie finden winzige Inseln, nur mit Sternen, Wellen und Vögeln als Kompass.

Erzählerin: Forscher haben im Erbgut heutiger Polynesier eine Spur gefunden: Um das Jahr 1150 sind sich Menschen aus Polynesien und aus Südamerika begegnet. Und die Süßkartoffel aus Südamerika wuchs schon in Polynesien, lange bevor ein Europäer kam.

Was bleibt

Begleiter: Also, drei Sätze für die Klassenarbeit. Erstens: Die ersten Menschen kamen in der Eiszeit aus Asien, über eine Landbrücke namens Beringia, vor mehr als zwanzigtausend Jahren.

Erzählerin: Zweitens: Um das Jahr 1000 kamen Wikinger aus Grönland nach Nordamerika. Ihr Lager auf Neufundland ist nachgewiesen, für das Jahr 1021.

Begleiter: Drittens: Kolumbus landete am 12. Oktober 1492 auf einer Insel der Bahamas und hielt Amerika bis zu seinem Tod für Asien.

Erzählerin: Und der Denkfehler, den fast jeder macht: Kolumbus hat Amerika entdeckt. Man kann kein Land entdecken, in dem schon Millionen Menschen leben. Kolumbus hat zwei Welten verbunden, die sich danach nie wieder trennen ließen.

Am Strand

Begleiter: Jetzt du. Stell dir vor, du stehst an diesem Morgen am Strand von Guanahaní, und drei fremde Schiffe kommen auf dich zu. Was denkst du als Erstes? Schreib es in die Kommentare. Wir lesen alles und antworten.

Begleiter: Wenn dir die ganze Geschichte gefallen hat: Folg Schulpuls erzählt, dann verpasst du keine Folge. Alles zur Folge findest du auf schulpuls.com, die kurzen Erklärclips bei Schulpuls auf YouTube.

Begleiter: Nächste Woche drehen wir an der Uhr: Warum stellen wir zweimal im Jahr die Zeit um? Bis dann.

Die kurzen Clips dazu

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