Warum gab es zwei Deutschlands?
Wie kommt es, dass mitten durch ein Land und mitten durch eine Stadt eine Grenze läuft – und wie wurde aus zwei Deutschlands wieder eins?

Sehen
Beim Abspielen lädt der Player von YouTube (youtube-nocookie.com). Details in der Datenschutzerklärung.
Hören
Beim Abspielen lädt der Player von Spotify (open.spotify.com). Details in der Datenschutzerklärung.
Kapitel
- Der Sprung
- Ein Land in vier Stücken
- Freunde werden Gegner
- Zwei Kinder, zwei Welten
- Abstimmung mit den Füßen
- Kerzen statt Steine
- Aus zwei wird eins
- Was bleibt
Was in der Folge gesagt wird
Abschrift
Der Sprung
Erzählerin: Berlin, Sonntag, der 13. August 1961, kurz nach Mitternacht. Lastwagen fahren vor. Männer in Uniform rollen Stacheldraht aus, quer über Straßen, quer über Gleise, quer über Plätze.
Erzählerin: Als die Berliner aufwachen, ist ihre Stadt zerschnitten. In der Bernauer Straße gehören die Häuser zum Osten, der Bürgersteig davor schon zum Westen. In den nächsten Tagen springen Menschen aus ihren Fenstern, hinunter in die Sprungtücher der Feuerwehr.
Erzählerin: Zwei Tage nach der Nacht steht dort ein junger Grenzsoldat am Draht, neunzehn Jahre alt, das Gewehr über der Schulter. Er schaut nach links, nach rechts. Dann nimmt er Anlauf und springt. Über den Draht, in den Westen. Ein Fotograf drückt genau in dieser Sekunde ab.
Erzählerin: Das Foto geht um die Welt. Und es stellt eine Frage, die bis heute nachhallt: Wie kann mitten durch ein Land, mitten durch eine Stadt, eine Grenze laufen, über die man springen muss?
Die Frage
Begleiter: Das ist Schulpuls erzählt. Ich stelle die Fragen, sie erzählt die ganze Geschichte. Heute, kurz vor dem 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit: Warum gab es zwei Deutschlands? Und wie wurde wieder eins daraus?
Begleiter: Für alle ab Klasse sechs. Und für alle, deren Eltern oder Großeltern noch wissen, wie es damals war. Am Ende kommt ein Denkfehler, den fast jeder über die Mauer hat.
Ein Land in vier Stücken
Begleiter: Wo fängt das an? Mit der Mauer?
Erzählerin: Nein, sechzehn Jahre früher. Am 8. Mai 1945 endet in Europa der Zweite Weltkrieg. Deutschland hat ihn begonnen, und Deutschland hat ihn verloren. Die Städte liegen in Trümmern, Millionen Menschen sind tot, Millionen auf der Flucht.
Erzählerin: Vier Länder haben Deutschland besiegt: die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Sie teilen das Land auf wie einen Kuchen, in vier Besatzungszonen. Jede Siegermacht verwaltet ihr Stück. Das soll nur für eine Weile sein, bis Deutschland sich wieder selbst regieren kann.
Begleiter: Und Berlin? Wem gehört die Hauptstadt?
Erzählerin: Genau da liegt der Knoten. Keiner soll die Hauptstadt allein haben, also wird Berlin noch einmal extra in vier Sektoren geteilt. Aber Berlin liegt tief im Osten, mitten in der Zone der Sowjetunion. Bis zur nächsten Westzone sind es rund 170 Kilometer.
Begleiter: Moment zum Mitdenken. Stell dir eine Insel vor: Der Westteil von Berlin gehört zu den Westmächten, und rundherum ist nur sowjetisches Gebiet. Was könnte da schiefgehen? Drei Sekunden.
Erzählerin: Wer die Straßen und Schienen zur Insel kontrolliert, kann sie aushungern. Genau das wird passieren. Aber vorher müssen sich die vier Sieger zerstreiten.
Freunde werden Gegner
Begleiter: Warum zerstreiten die sich? Die haben doch zusammen gewonnen.
Erzählerin: Sie hatten einen gemeinsamen Feind, sonst wenig. Die USA, Großbritannien und Frankreich sind Demokratien. Die Menschen wählen ihre Regierung, Firmen gehören Privatleuten, und man darf die Regierung laut kritisieren.
Erzählerin: Die Sowjetunion ist kommunistisch. Dort bestimmt eine einzige Partei. Fabriken und Land gehören dem Staat, und der plant, was hergestellt wird. Wer widerspricht, landet schnell im Gefängnis.
Erzählerin: Dazu kommt: Die Sowjetunion hat im Krieg mehr Menschen verloren als jedes andere Land, weit über zwanzig Millionen. Sie will nie wieder von Deutschland angegriffen werden. Deshalb soll in ihrer Zone ein Deutschland entstehen, das ihr folgt.
Begleiter: Und der Westen will ein Deutschland, das ihm folgt.
Erzählerin: Genau. Keiner will seinen Teil dem anderen überlassen. Das nennt man den Kalten Krieg. Kalt, weil die beiden Großmächte nie direkt aufeinander schießen. Sie drohen, sie rüsten auf, sie streiten um jedes Land. Und Deutschland liegt genau auf der Naht.
Erzählerin: Juni 1948. Die Westzonen bekommen neues Geld, die D-Mark. Die Sowjetunion antwortet mit einem harten Zug. Sie sperrt alle Straßen, Schienen und Kanäle nach West-Berlin. Zwei Millionen Menschen sind abgeschnitten, ohne Nachschub an Kohle, Mehl und Milch.
Erzählerin: Die Amerikaner und Briten antworten mit Flugzeugen. Fast ein Jahr lang fliegen sie alles nach Berlin, was eine Stadt braucht: Kohle, Mehl, Trockenkartoffeln, sogar die Teile für ein ganzes Kraftwerk. An manchen Tagen landet fast jede Minute eine Maschine.
Erzählerin: Ein amerikanischer Pilot bindet Schokolade an kleine Fallschirme aus Taschentüchern und wirft sie über den wartenden Kindern ab. Die Berliner nennen die Maschinen Rosinenbomber. Im Mai 1949 gibt die Sowjetunion auf und öffnet die Wege wieder.
Begleiter: Dann haben die Flugzeuge gewonnen.
Erzählerin: Diesmal. Aber jetzt ist klar, dass die vier sich nicht mehr einigen. Im Mai 1949 wird im Westen die Bundesrepublik Deutschland gegründet, mit einer neuen Verfassung, dem Grundgesetz. Im Oktober antwortet der Osten mit der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR.
Begleiter: Zum Grundgesetz haben wir einen kurzen Clip, den findest du auf schulpuls.com. Was steht da ganz vorne drin?
Erzählerin: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das steht mit Absicht an erster Stelle, nach allem, was im Krieg geschehen war. Und damit ist es passiert: Aus einem Land sind zwei Staaten geworden.
Zwei Kinder, zwei Welten
Begleiter: Wie war das, in der DDR aufzuwachsen? Anders als im Westen?
Erzählerin: Stell dir zwei Kinder vor, beide zehn Jahre alt, im Jahr 1958. Eins wohnt in Leipzig, eins in Köln. Sie sprechen dieselbe Sprache und lachen über dieselben Witze. Und sie leben in zwei Welten.
Erzählerin: Das Kind in Leipzig trägt in der Schule ein blaues Halstuch. Es ist bei den Jungpionieren, wie fast alle Kinder. Es gibt Nachmittage mit Basteln und Sport, im Sommer Ferienlager, fast umsonst. Die Erwachsenen haben Arbeit, Brot und Miete sind billig.
Erzählerin: Aber die Zeitung schreibt, was die Partei will. Wer laut sagt, dass ihm etwas nicht passt, bekommt Ärger. Und es gibt eine Geheimpolizei, die Stasi. Sie hört Telefone ab und öffnet Briefe. Am Ende arbeiten dort über neunzigtausend Menschen.
Erzählerin: Das Kind in Köln sieht, wie die Ruinen verschwinden. Die Wirtschaft im Westen wächst schnell, später nennt man das Wirtschaftswunder. Nicht jede Familie hat genug. Aber es gibt Kaugummi, Jeans und bald die ersten Urlaubsreisen nach Italien.
Erzählerin: Der größte Unterschied ist nicht das Essen. Das Kind in Köln darf später wählen, wen es will, und die Regierung dafür beschimpfen. Das Kind in Leipzig darf auch wählen gehen. Aber auf dem Zettel steht nur eine einzige Liste.
Begleiter: Aber die heißt doch Deutsche Demokratische Republik. Demokratisch steht schon im Namen.
Erzählerin: Im Namen, ja. Ein Name ist ein Versprechen, kein Beweis. Demokratie heißt: Die Menschen können ihre Regierung abwählen. Das ging in der DDR nicht.
Begleiter: Was Demokratie genau ist, erklären wir auch in einem kurzen Clip. Den findest du auf schulpuls.com.
Erzählerin: Wie ernst es ist, zeigt der 17. Juni 1953. Es beginnt mit Bauarbeitern in Ost-Berlin, die mehr arbeiten sollen für dasselbe Geld. Am nächsten Tag gehen in der ganzen DDR Hunderttausende auf die Straße. Am Abend rollen sowjetische Panzer. Dutzende Menschen sterben, Tausende kommen ins Gefängnis.
Abstimmung mit den Füßen
Begleiter: Und wem es nicht gefällt, der geht einfach rüber?
Erzählerin: Lange Zeit ging das tatsächlich. Die Grenze zwischen den beiden Staaten wird ab 1952 mit Zäunen gesperrt. Aber in Berlin kann man noch mit der S-Bahn von Ost nach West fahren. Berlin ist das Loch im Zaun.
Erzählerin: Und durch dieses Loch gehen die Menschen. Von 1949 bis 1961 verlassen mehr als zweieinhalb Millionen die DDR. Viele sind jung: Ärztinnen, Ingenieure, Lehrerinnen, Handwerker. Man nennt das später eine Abstimmung mit den Füßen.
Erzählerin: Für die DDR ist das eine Katastrophe. Wer soll die Kranken behandeln, wer die Fabriken führen? Im Juni 1961 sagt der Staatschef Walter Ulbricht vor Journalisten: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Acht Wochen später steht sie.
Begleiter: Moment zum Mitdenken. Eine Mauer mit Wachtürmen, Hunden und Soldaten. Die Soldaten stehen auf der Ostseite. In welche Richtung schauen sie? Drei Sekunden.
Erzählerin: Nach Osten. Zu den eigenen Leuten. Offiziell nennt die DDR die Mauer einen Schutzwall gegen den Westen. Aber gebaut ist sie so, dass niemand hinauskommt. Wachtürme, Scheinwerfer und der Todesstreifen richten sich gegen die, die wegwollen.
Erzählerin: Rund um West-Berlin ist die Mauer am Ende 155 Kilometer lang. Dahinter liegt ein Streifen aus geharktem Sand, Licht und Stacheldraht. Mindestens 140 Menschen sterben an der Berliner Mauer. Die meisten wollten nur auf die andere Seite.
Erzählerin: Und die Mauer trennt Familien. Großeltern in Ost-Berlin sehen ihre Enkel im Westen jahrelang nicht, obwohl sie nur ein paar Straßen entfernt wohnen. Zu Weihnachten kommen Pakete aus dem Westen, mit Kaffee, Schokolade und Strumpfhosen. Man riecht sie schon an der Tür.
Erzählerin: Abends schauen viele in der DDR Westfernsehen, erst heimlich, später fast offen. Fast überall kann man es empfangen. Nur um Dresden herum nicht. Deshalb nennen die Leute die Gegend das Tal der Ahnungslosen.
Kerzen statt Steine
Begleiter: Wie geht so eine Mauer wieder weg? Mit Panzern?
Erzählerin: Ohne einen einzigen Schuss. Das ist das Erstaunliche daran. In den Achtzigerjahren sind die DDR und die Sowjetunion fast pleite. In Moskau regiert jetzt Michail Gorbatschow. Er will, dass die Länder im Osten ihren eigenen Weg gehen dürfen.
Erzählerin: Im Sommer 1989 öffnet Ungarn seine Grenze nach Österreich. Tausende aus der DDR machen Urlaub in Ungarn und kommen nicht zurück. Sie fahren einfach weiter, in den Westen.
Erzählerin: Leipzig, Montag, der 9. Oktober 1989. Nach den Friedensgebeten in den Kirchen ziehen rund siebzigtausend Menschen um die Innenstadt. Viele tragen Kerzen. Wer eine Kerze trägt, hat keine Hand frei für einen Stein.
Erzählerin: Polizei und Kampftruppen stehen bereit, in den Krankenhäusern liegen Blutkonserven. Alle rechnen mit dem Schlimmsten. Doch niemand gibt den Befehl. Die Menschen rufen: Wir sind das Volk. Und sie gehen nach Hause, ohne dass ein Schuss fällt.
Erzählerin: Einen Monat später, am Abend des 9. November, sitzt ein Politiker der DDR vor Journalisten. Günter Schabowski liest von einem Zettel: Die Bürger der DDR dürfen reisen. Ein Reporter fragt: Ab wann? Schabowski blättert, zögert und sagt: sofort, unverzüglich.
Erzählerin: Eigentlich sollte das erst am nächsten Tag gelten, mit Anträgen und Stempeln. Aber das Fernsehen sendet es. Tausende laufen zu den Übergängen. An der Bornholmer Straße drängen so viele, dass der Chef der Wache kurz vor Mitternacht den Schlagbaum öffnet.
Erzählerin: Fremde fallen sich in die Arme. Menschen tanzen oben auf der Mauer am Brandenburger Tor. Im Westen verteilen sie Sekt und Bananen, die es im Osten kaum gab.
Begleiter: Also ist die Mauer aus Versehen gefallen?
Erzählerin: Der Zettel war das Streichholz. Aber das Holz hatten die Menschen gestapelt: die Flucht über Ungarn, die Demonstrationen, die Kerzen in Leipzig. Ohne sie hätte ein falscher Satz gar nichts bewirkt.
Aus zwei wird eins
Begleiter: Und dann war gleich wieder ein Deutschland?
Erzählerin: Nicht gleich, aber schnell. Im März 1990 dürfen die Menschen in der DDR zum ersten Mal frei wählen. Im Juli bekommen sie die D-Mark. Und die vier Siegermächte von 1945 müssen zustimmen, denn sie reden noch immer mit. Im September 1990 unterschreiben sie.
Erzählerin: Berlin, der 3. Oktober 1990, Mitternacht. Vor dem Reichstag steigt eine schwarz-rot-goldene Flagge am Mast hoch. Die DDR tritt der Bundesrepublik bei. Seitdem ist dieser Tag ein Feiertag: der Tag der Deutschen Einheit.
Erzählerin: Leicht war es danach nicht für alle. Viele Fabriken der DDR waren alt und kamen gegen den Westen nicht an. Millionen Menschen im Osten verloren ihre Arbeit oder mussten ganz neu anfangen. Manche fühlen sich bis heute, als hätte man ihr altes Leben einfach weggeräumt.
Begleiter: Moment zum Mitdenken. Die Mauer stand von 1961 bis 1989. Was ist länger: die Zeit, in der sie stand, oder die Zeit, seit sie weg ist? Drei Sekunden.
Erzählerin: Seit dem 5. Februar 2018 ist die Mauer länger weg, als sie gestanden hat. Sie stand 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage. Für dich ist sie Geschichte. Für deine Großeltern ist sie Erinnerung.
Was bleibt
Begleiter: Was bleibt? Drei Sätze für die Klassenarbeit.
Erzählerin: Erstens. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die vier Siegermächte Deutschland in Zonen. Weil sich Ost und West im Kalten Krieg zerstritten, entstanden 1949 zwei Staaten: die Bundesrepublik und die DDR.
Begleiter: Zweitens. Die DDR baute 1961 die Mauer, weil ihr die Menschen davonliefen. 28 Jahre lang trennte sie Familien.
Erzählerin: Drittens. Im Herbst 1989 brachten friedliche Demonstrationen die Mauer zu Fall. Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wieder ein Staat.
Begleiter: Und der Denkfehler, den fast jeder macht: Die Mauer sollte Feinde draußen halten. Falsch. Die Soldaten schauten nach innen. Die Mauer sollte die eigenen Leute drinnen halten.
Wo warst du?
Begleiter: Jetzt du. Frag jemanden in deiner Familie, der sich an 1989 erinnert: Wo warst du, als die Mauer fiel? Schreib die Geschichte in die Kommentare, ohne Namen. Wir lesen alles und antworten.
Begleiter: Wenn dir die ganze Geschichte gefallen hat: Folg Schulpuls erzählt, dann verpasst du keine Folge. Alles zur Folge findest du auf schulpuls.com, die kurzen Erklärclips bei Schulpuls auf YouTube.
Begleiter: Nächste Woche fahren wir über den Atlantik: Wer war wirklich zuerst in Amerika? Bis dann.

